Soubrette auf der Toilette

Uraufführung „Soubrette auf der Toilette“- die zeitgenössische Mini-mono Jazzerette von Gene Pritsker und Ljiljana Winkler für Sopran und Jazz Formation

Mitwirkende:

Solenne Formation:

Saori Anraku: Klavier

Peter Oswald
: Trompete

Kay Fischer
: Saxophon

Uli Fiedler
: Bass
https://www.ulifiedler.de/bio-disco/

Harry Alt: Schlagzeug
http://www.harryalt.de/index.html
http://www.harrycane-orchestra.de/

Soubrette: Ljiljana Winkler – Sopran

Casting Director: Gene Pritsker – Komponist, Dirigent
https://www.genepritsker.com/home

Visual Artwork, Photos: Aleksandar Arsenović, Margareta Kern, Nikola Radovanovic, Ljiljana Winkler
Styling und Kostüm: Anica Glišić, Margareta Kern, Ljiljana Winkler
Make Up Artist: Slavica Rađević

2021 komponierte Gene Pritsker die Mono Jazz Chamber Oper „Soubrette auf der Toilette“. Die kurze Oper basiert auf Texten der Sopranistin Ljiljana Winkler sowie des Autors Andreas Winkler. Die humorvollen Stücke geben einen kritischen Einblick in die Situationen und wahren Begegnungen in der Theatertoilette während eines Vorsingens für ein zukünftiges Opernengagement. Die glänzende Welt des Theaters wirft Schatten auf die persönlichen Existenzen hinter den Kulissen. Das Umziehen und Einsingen, sowie Begegnungen und Gespräche auf der Theatertoilette, dauern in der Regel länger als das Vorsingen für ein mögliches Engagement auf der Hauptbühne. Die musikalische Sprache ist zeitgenössische Musik mit Verflechtungen der Stile Jazz, Pop und Filmmusik. Die musikalische Puccini- und Schumann-Sprache wird mit Jazz- und Filmmusik kombiniert.

Handlung und musikalische Gestaltung und Text:

Die kurze Jazzerette besteht aus vier Teilen. Die musikalische Form wechselt zwischen den Stilen: Jazz, Klassik, Pop, zeitgenössischer Klassik und Filmmusik. In chronologischen Szenen, stellt die Oper existenzielle Themen aus dem Leben einer jungen Sängerin dar. Es kommen verschieden Muster von Charakteren sowie eindrucksvollen Stimmungen der Vorsingsituationen vor.

Teil 1

Die Inspiration für den ersten Teil der Oper „Widmung- meinem Koffer für das Vorsingen“ hat die Autorin und Sängerin bei einem Vortrag der künstlerischen Agentur für das Vorsingen während Ihres Gesangsstudiums bekommen. Inhaltlich ging es im genannten Vortrag um die passende Selbstpräsentation beim Vorsingen für Theaterengagements. Insbesondere die Vorschläge über die passende Kleidung der Frauen beim Vorsingen, dient als Vorlage des ersten Teils.

Auf dem Notizzettel der damaligen Absolventin stand: „Die Kleidung spielt eine große Rolle. Frauen sollen sich entsprechend der Opernrolle, für die sie vorsingen, anziehen. Nicht over dressed wegen der Uhrzeit- kein Abendkleid. Ein Rock ist ok. Der Rock soll nicht zu kurz aber auch nicht zu lang sein. Keinesfalls rote Schuhe mit hohem Absatz! – zu sexy. Aber auch kein Schwarz, das ist zu dunkel. Aufpassen mit dem Make-up, nicht zu viel, nicht zu wenig. Die Schuhe sollen keinen hohen Absatz haben aber auch nicht komplett ohne Absatz sein. Außer wenn man für die speziellen, weiblichen Hosenrollen vorsingt, dann kein Absatz und natürlich eine passende Hose, nur nicht zu männlich.“

Gewährt wird ein Einblick in den Versuch der jungen Sängerin, sich selbst zum passenden Opernprodukt zu gestalten. Dabei zeigt die Oper den wiederkehrenden innerlichen Widerstand der Sängerin sich der Typisierung und den zu verkörpernden Stereotypen gegenüber zu öffnen. Hier verwendet Komponist Pritsker die jazzigen Rhythmen. Die Jazz Band unterstützt die Stimmungen der Sängerin mit einem groovigen Klang.

Teil 2 und 3

Der zweite und der dritte Teil der Oper verschmelzen musikalisch ineinander. Pritsker greift in diesen musikalischen Bereichen die inhaltliche Darstellung mit zeitgenössischer musikalischer Sprache auf. Dissonant und mit einem sehr schnellen Tempo werden die stressigen Situationen dargestellt. Die Sängerin eilte zu Fuß mit dem Koffer zum Theater, weil der Bus ausfiel. Sie kommt am Theater an und traf auf den Fluren zahlreiche Sänger*innen. An der Pforte teilte ihr das Theaterpersonal mit, dass der Einsingraum und Umkleidekabine die Theatertoilette sind. Mit Filmmusik wie in einem Thriller wird der dritte Teil dargestellt bei dem es um die Begegnungen auf der Theatertoilette geht.

Zwei Begegnungen sind besonders prägend. Eine erfahrene Sängerin, die wesentlich älter als die junge Musikhochschulabsolventin ist, zieht sich auf der Toilette um und singt sich ein. Die Beobachtungen der jungen Sängerin deuten auf eigene Konflikte hin. Es geht um wiederkehrende Muster der Opernbranche bei denen es häufig vorkommt, dass sich Sänger*innen in fensterlosen Räumen oder der Theatertoilette einsingen und umziehen müssen. Die junge Sängerin projiziert die Traurigkeit der älteren Kollegin auf sich selbst. Sie stellt dabei die kritischen Fragen zur Berufspolitik des Theaters.

Die zweite Begegnung ist mit einer Sängerin, welche die Autorin als eine souveräne, erfahrene junge Sängerin wahrnimmt und beschreibt. Auf der Theatertoilette packt die Sängerin einen Roll-on Piano aus, und singt sich ein. Sie macht den Eindruck, Erfahrung mit Vorsingsituationen zu haben. Für diesen Bereich wählt Pritsker eine eingängige poppig-groovige schnell einprägende Melodie. Auch in dieser Situation wird deutlich, dass die junge Sängerin ihre Wünsche selbstsicherer zu sein auf die Konkurrentin projiziert.

Teil 4

Im vierten Teil der Jazz Oper wird das Thema Vorsingen auf der Hauptbühne stimmungsvoll dargestellt. Mit dissonanten Tönen, Puccini Sprache und jazzigen Harmonien wird der misslungene kurze Auftritt der Vorsingsituation dargestellt. Die Selbst und Fremdwahrnehmung, das dissoziative Lampenfieber und die szenische Darstellung der inneren Konflikte, werden musikalisch durch wiederkehrende dissonante Harmonien unterstützt. „Warum ist eigentlich das Klavier nicht gestimmt, fragt sich mein Körper, während er singt. Doch bin ich wohl nun eher selber verstimmt“.

Vollständiger Text der Jazzerette „Soubrette auf der Toilette“

„Soubrette auf der Toilette“ (2021) – eine Mini-mono Jazzerette von Gene Pritsker, Text und Konzept Ljiljana und Andreas Winkler

  1. Widmung- Meinem Koffer für das Vorsingen

Mein schwerer Koffer begleitet mich stets treu.
Meine Kleidung reicht für das ganze Jahr,
doch welche brauche ich davon?
Mit welchem Outfit stehe ich heut` auf dem Bühnenthron?

Gesang soll man viele Jahre studieren,
Genauso lange dauert es ein Outfit zu individualisieren.

Nur die Ruhe, kein Grund plötzlich zu hyperventilieren.

Nicht zu sexy, nicht zu öde,
nicht zu grell, nicht zu schnöde,
nicht ganz in Schwarz, und auch kein Rot.
Wie war das mit dem Beinverbot?
Ach! nicht zu lang auch nicht zu kurz,
die Sonne sinkt es wird mir Schnurz

Lieber will ich am klaren Bache stehen,
im bequemen Gewand die Berge ansehen.
Ganz ohne Schuhen auf der Wiese gehen.

…Doch ruhe ich im Eck dann bin ich von der Bühne weg.

… Ach du Schreck,
hab´ ich die Schuhe vergessen?
Schnell im Koffer wühlen, wo sind die Schuhe?!

Der Absatz nicht zu hoch und nicht zu flach,
Die roten nicht die schwarzen nicht,
kein blau, kein grün und türkis das sticht,
vielleicht doch gelb, doch blau doch grün,
wäre Pastell vielleicht zu hell?

Mein lieber Koffer, ich habe nicht genügend Schuhe.
Und der/die/ Dramaturg`*Innen sagen wie/wo/was zu meinen Schuhsinnen?
Nicht zu auffällig und nicht zu dezent doch praktisch schon,
das ist es was ich gern getroffen hätte
denn zum Umziehen muss ich sicher schon wieder auf die Toilette.

In dieser Operette singt die Soubrette,
für eine Rolle mit Garderobe die sie gern einmal hätte.
Das ist die Operette der lustigen Soubrette,
geschminkt auf der Toilette für die Rolle der Marionette.

 

  1. Auf der Toilettenbühne

Der Bus vom Bahnhof zum Theater fällt heute leider aus,
mit einer Taxifahrt ginge die ganze Gage drauf.
Also stemmen mein Koffer und ich den steinigen Weg zu Fuß.
Empfohlen ist es eh, dass man für den Bühnenberuf immer fit bleiben muss.

Schwer atmend komme ich an der Pforte
und frage höflich wo ich mich denn Einsingen kann.
Kein Einsingraum?!
Ach, das ist nicht schlimm.
Ich frage die Dame
ob sie eine Beschreibung zur Garderobe für mich hätte.
Sie nickte freundlich:
Am Orchestergraben zweimal links,
dann die kleine Treppe hoch,
einmal rechts,
dann sehen sie geradeaus die …
Damen Toilette

Die Toilettentür ist schwer,
ich stemme sie mit dem Koffer auf.
Was ich dahinter sehen kann ist
traurig, lustig, tragisch zuhauf
und bei der Premiere niemals für jedermann klar.
Doch ich nehme es gern` in Kauf.

Eine halb fertig geschminkte Sängerin schaut mich böse an,
der Platz ist knapp wie ich doch selbst sehen kann.

Ich schleiche in die letzte freie Toilette.
Als ich mit dem Umziehen beginne
gefrieren mit kurz alle Sinne:
helle Obertöne klingen vom Einsingen
an den Fliesen
und schießen wie spitze Pfeile in mein Ohr.
In meiner Nase tritt ein Parfüm hervor,
das in der Drogerie wohl nicht verschlossen ist.
Es riecht süß während einer Kollegin mit nervösem Magen wohl gerade sitzt,
mein Hals wird trocken und blinzle aus meiner Kabine leicht verschwitzt.

Eine fertige Sängerin betritt die Toilettenbühne vor dem Spiegel,
am roten Kleid spannt der stützende Riegel.
Die Ohrringe glitzern und blitzen wie ihre Toilettenkoloraturen,
ich meine ihre Traurigkeit hinter dem Glanz zu spüren.

Ich fange an, Ihre Toilettensouveränität
und langjährige WC-Bühnenerfahrung zu verstehen.
Ich vergleiche mein Selbstvertrauen und fühle mich nicht fit.
Es ist doch mein erster Theater-Toilettenauftritt.
Ein letzter Blick, wir schauen uns an,
dann fängt für die alte Diva das Vorsingen an.

Die alte Soubrette, sie zieht sich um auf der Toilette,
Für ihre feine Welt schlüpft sie in die Garderobe die sie gern einmal hätte,
Überzeugt spielt sie für die Rolle der Marionette ähm pardon Musette.
So findet sie den Sinn des Lebens für mindestens ein Jahr
Oder solang der Intendant und sein Ensemble da.

III. Toilettenbühne- frei für sie

Doch die wahre Konkurrenz kommt jetzt erst herein,
ihr Koffer ist der Größte,
Meiner wirkt dagegen klein.
Ihr Umziehen scheint geübte Praxis zu sein.
Aus dem Koffer zieht sie ein roll-on Piano hervor.
Was ist da noch alles drin?
Ein faltbarer Tenor kommt mir in den Sinn.
Ich ziehe mich zurück und höre ihr zu,
denn die Töne sind gut und sie entscheidet
sich dazu,
das Einsingen mit dem Schminken zu kombinieren.
Ein Ton, ein Strich,
schnelles frisieren und kurz getuscht
schon ist sie wieder durch die Tür gehuscht.

Die Theatertoilette spricht danach
noch von ihr.
Der Gesang war phantastisch
und dann noch das kleine Klavier.
Ihr Wille ist stark und der Wunsch ist groß
ich teile ihr die Rolle zu,
die Vorstellung war famos.

In dieser Operette singt die tapfere Soubrette für eine
Rolle mit der Garderobe die sie gern einmal hätte.
Das ist die Operette der lustigen Soubrette geschminkt
auf der Toilette für die Rolle der kokette Juliette.

IV – I.  Verstimmung auf dem Kreuz

Ich betrete die Bühne wie Rampensau im Sch(w)einwerferlicht,
Sechs Spots stechen in meinem Gesicht.
Ich versuche Menschen auf den Plätzen zu sehen,
die Menschlichkeit, die ich suche finde ich nicht.
Dafür kann ich eine laute Stimme verstehen:

„Stellen Sie sich bitte auf das Kreuz“
Wie bitte? – höre ich mich fragen und suche das Kreuz.
„Auf die Markierung auf dem Boden stellen bitte. Womit fangen Sie an?“

IV – II. Arie der Dido

„When I am laid“aus der Oper „Dido and Aeneas” von Henry Purcell in der Bearbeitung von Gene pritsker für Sopran und Jazz Ensemble.

IV – III.

Meine Seele schaut meine Stimme an.
Beide wissen, dass ich so nicht singen kann.
Wo ist die Empathie der Kunstwelt hin?
Wem kamen diese Kälte und Distanz in den Sinn?
Warum ist eigentlich das Klavier nicht gestimmt,
fragt sich mein Körper während er singt.
Doch bin ich wohl nun eher selber verstimmt.
Kurz habe ich erwägt für die Zuflucht in eine Intonation zum Pianisten zu gehen,
doch habe ich Angst dann nicht mehr auf dem Kreuz zu stehen.
Plötzlich kann ich meine Seele hinterher sehen,
sie nimmt meine Stimme an der Hand um mit meinem Koffer von der Bühne zu gehen.

Aus der Dunkelheit hinter dem grellen Licht höre ich eine Stimme: „Danke“
Ich bleibe kalt auf der Bühne stehen,
und hoffe auf noch eine Chance
doch ich darf gehen.

In dieser Operette geht die Soubrette
erst noch einmal auf die Toilette.
Danach verbringt sie den restlichen Tag
Ohne Schuhe und Abendkleid.
Am nahen Bache im Wind
Tanzend und singend die Rolle
Die sie am liebsten und im freien spielt.
Es spielt keine Rolle mehr.

Herzlichen Dank für die finanzielle Unterstützung sowie für enorme Hilfe unserer Freunde und Familien.

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